Effiziente Druckluft: Stromverbrauch könnte um ein Drittel geringer sein

23.08.18 13:12 von David Wagenblass

Druckluft Experteninterview

Zu diesem Ergebnis kommt eine EU-Studie und hat damit für einiges Aufsehen gesorgt. Entscheidend für eine effiziente Druckluft ist es, die Leckagen zu ermitteln – besonders auf den „letzten Metern“ bis zur Verwendung. Wie Druckluft wirklich effizient eingesetzt wird, lesen Sie im folgenden ersten Teil unseres Interviews mit Daniel Rawe, dessen Unternehmen rawe hermetics Druckluft-Leckagen mittels Ultraschallmesstechnik ortet.

Herr Rawe, wozu wird Druckluft eigentlich benötigt?

Daniel Rawe: Mit effizienter Druckluft steuern wir Ventile, stellen Produkte her, transportieren und reinigen sie. Kurz: Druckluft gibt es in jedem produzierenden Unternehmen. Sie ist der zweithäufigste Energieträger nach Strom und ihr Einsatz nimmt weiter zu. Das hat ganz praktische Gründe: Druckluft ist einfach zu produzieren, zu speichern und zu verteilen.

Laut einer Studie der EU sind bei Druckluftanlagen Energieeinsparungen von durchschnittlich 33 Prozent möglich. Wo sitzen die Energiefresser?

Daniel Rawe: Ein großer Teil der eingesetzten Energie kommt erst gar nicht beim Verbraucher an, sondern verpufft in Form von Leckagen. Nach den Erfahrungen, die wir bei unseren Durchfluss-Messungen gemacht haben, liegen die Einsparpotenziale je nach Unternehmen zwischen 20 und 70 Prozent.

Wo geht die meiste Druckluft verloren?

Daniel Rawe: Undichte Stellen treten am häufigsten an Teilen auf, die mechanisch stark beansprucht werden. Das sind zum Beispiel Verschraubungen, Steckanschlüsse oder Schläuche. Zu hören sind solche Lecks übrigens in den wenigsten Fällen: Nur etwa 20-30 Prozent der Leckagen fallen durch Zischen oder andere Geräusche auf. Die restlichen 70 Prozent sind für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar.

Sie sagen, dass die Effizienzverluste eher an den Verbindungsteilen auftreten. Ist der Kompressor oder die Verteilung das Problem?

Daniel Rawe: Die größten Energieeffizienzverluste treten immer auf den letzten Metern zur Maschine auf, also durch Leckagen bei der Verschlauchung und den Schlauchanschlüssen. In der Folge muss natürlich der Kompressor mehr laufen, wenn es im Druckluftnetz viele Leckagen gibt. Er verbraucht dann mehr Strom, und die Kosten steigen. Das Alter des Kompressors spielt ebenfalls eine Rolle. Ist der Kompressor seit 30 Jahren im Einsatz, gibt es immer Möglichkeiten der Optimierung für eine effizientere Drucklufterzeugung.

Neuer Call-to-Action (CTA)

Gibt es eine Faustformel dafür, wann ein Kompressor ersetzt werden sollte?

Daniel Rawe: Wie energieeffizient Ihr Kompressor ist, testen Sie am besten über den so genannten spezifischen Preis. Dafür prüfen Sie als Erstes, wieviel Strom der Kompressor verbraucht. Dann stellen Sie mit Hilfe einer Durchflussmessung fest, wieviel nutzbare Druckluft er erzeugt. Diesen spezifischen Preis für Ihre Druckluft-Energie können Sie mit anderen Preisen vergleichen – zum Beispiel aus Studien. Damit können Sie Ihren Kompressor gut bewerten.

Können Drücke auch falsch eingestellt sein?

Daniel Rawe: Ja, das ist keine Seltenheit. Meist hat das historische Gründe. Bei einem unserer Kunden beispielsweise wurde das Netz seit Jahren mit zehn Bar betrieben. Im Laufe der Zeit ersetzte das Unternehmen einige der älteren Anlagen durch neue, die nur fünf bis sechs bar Druck benötigen. Der Durchfluss wurde jedoch nie geändert, da sich niemand gefragt hat, ob man den Ausgangsdruck von zehn Bar optimieren könne. Dabei ist dies der einfachste Weg, um die Druckluftkosten zu reduzieren: Jedes Bar weniger spart rund sieben Prozent Energie ein. Bei der Umstellung ist nur wichtig, sich ein bisschen Zeit zu nehmen: Sie sollten niemals eine abrupte Umstellung von zehn auf sieben Bar vornehmen. Besser ist es schrittweise vorzugehen und zu prüfen, bis zu welchem Druck die Maschinen noch ohne Probleme laufen, um am Ende eine effiziente Druckluft zu erreichen.

Sind Druckluftverluste normal?

Daniel Rawe: Fünf bis 15 Prozent Effizienzverlust durch Leckagen haben mittelständische Firmen aufgrund der Netzgröße immer. Manchmal liegt es auch einfach an den zeitlichen Ressourcen oder Schwierigkeiten bei der Ersatzteilbeschaffung. In anderen Fällen lohnt sich die Reparatur nicht mehr, etwa weil die Maschine einige Monate später ohnehin abgebaut werden soll.

Hat die Steuerung von Kompressoren Einfluss auf die Kosten?

Daniel Rawe: Eine Steuerung von Kompressoren hat den Vorteil, dass Sie die Anlagen besser auslasten und dadurch Energie sparen können. Denn je mehr die Kompressoren in Last laufen, desto geringer ist der Anteil der Energie, die sie im Stillstand verbrauchen.

Ein Beispiel: Zwei Kompressoren haben die gleiche Leistung von 11 Kilowatt. Durch die Steuerung können Sie dafür sorgen, dass beide gleichmäßig ausgelastet sind. Unbedingt vermeiden sollten Sie, dass ein Kompressor 90 Prozent der Leistung erbringt und der andere gerade mal 10 Prozent. Durch eine gleichmäßigere Auslastung reduzieren Sie zudem die Verschleiß- und Wartungskosten und beugen Produktionsausfällen vor. Dies kann passieren, wenn der Kompressor, der immer zu 90 Prozent läuft, plötzlich einen Defekt hat. Dann kann die Ausfallwahrscheinlichkeit bei dem anderen Kompressor steigen, da dieser lange nur auf minimaler Leistung gelaufen ist.

Wirkt sich die Wartung auf die Kosten aus?

Daniel Rawe: Definitiv. Eine ordnungsgemäße Wartung zahlt sich immer aus – wie beim Pkw. Sind zum Beispiel die Filter an der Ansaugung durch Schmutz verstopft, muss der Kompressor mehr leisten, um die benötigte Luftmenge anzusaugen, sie zu verarbeiten und ins Netz weiterzuleiten.

 

Rawe hermetics

Rawe hermetics hat seinen Sitz in Finnentrop im Sauerland und wurde im Januar 2015 gegründet. Das Unternehmen ist spezialisiert auf die Optimierung von Druckluftplätzen bei Kunden im In- und Ausland. Gründer des Start-ups ist Daniel Rawe. Bei seinem früheren Arbeitgeber – einem Hersteller von Ultraschallmesstechnik – hörte er immer wieder von Kunden, dass die verwendete Messtechnik gut sei und sie sich einen externen Dienstleister zur Durchführung der Messungen wünschten. Daraufhin gründete er mit dieser Geschäftsidee sein eigenes Unternehmen. Rawe hermetics bietet Energieeffizienz-Prüfungen an und ortet Druckluft-Leckagen mit Hilfe von Ultraschallmesstechnik.

 

Lesen Sie mehr über die praktischen Erfahrungen und den Einsatz von Ultraschallmesstechnik im Bereich Druckluft-Leckagen: in Teil 2 des Interviews mit Daniel Rawe.

 

Themen: Energieeffizienz und Energiemanagement

David Wagenblass

Autor: David Wagenblass

David Wagenblass ist seit vielen Jahren in der Energiewirtschaft tätig. Der Energieexperte berät u.a. Verbände in Energiefragen und hält regelmäßig Vorträge zur Kostenreduzierung im Energieeinkauf sowie durch Energieeffizienzlösungen. Darüber hinaus ist er der erste Ansprechpartner in Energiefragen für rund 10.000 Verbandsmitglieder in Deutschland. T +49 621 290-1695 E-Mail david.wagenblass@mvv.de

* Pflichtfelder
Neuer Call-to-Action (CTA)