Welche Beschaffungsmodelle gibt es beim Stromeinkauf?

14.03.19 13:02 von Esther Gensrich

Beschaffungsmodelle StromeinkaufDie Energieversorgungsunternehmen bieten heute neben der klassischen Festpreisbeschaffung sehr verschiedene Produkte mit unterschiedlichen Eigenschaften an. In Anbetracht der vielfältigen Beschaffungsmodelle stehen Unternehmen vor der Frage, welches dieser Produkte beim Stromeinkauf für sie das richtige ist. Im Folgenden haben wir die wesentlichen Beschaffungsmodelle beim Stromeinkauf zusammengestellt und erläutern Ihnen die Vor- und Nachteile der einzelnen Modelle.

Stichtagsbeschaffung/ Festpreismodell

Unter dem Begriff Stichtagsbeschaffung bzw. Festpreismodell versteht man den Bezug der gesamten benötigten Strommenge zu einem fest vereinbarten Preis, der an einem Stichtag festgelegt wurde. Das bedeutet, dass der Einkäufer die gesamte Energiemenge für die volle Vertragslaufzeit zu dem Preisniveau kauft, das zum Beschaffungszeitpunkt aktuell ist. Dieses Beschaffungsmodell ist für den Einkäufer durchaus riskant und intransparent. Riskant insbesondere, da der Marktpreis eines einzelnen Tages für die Beschaffung des Strombedarfs für gegebenenfalls mehrere Jahre herangezogen wird, intransparent insofern als der Einkäufer die Kalkulation des Energielieferpreises, den Deckungsbeitrag des Versorgers sowie die vom Versorger eingepreisten Risiken beim Energieeinkauf nicht nachvollziehen kann. Muss die Strommenge am Ende der Vertragslaufzeit neu beschafft werden, steht der Einkäufer vor dem gleichen Marktpreisrisiko wie zuvor.

Trotz dieser offensichtlichen Nachteile hat das Festpreismodell auch Vorteile. Besonders der geringe Einsatz von Ressourcen und die kalkulatorische Planungssicherheit während der Laufzeit, sind für viele Unternehmen das ausschlaggebende Argument für dieses Beschaffungsmodell. Grundsätzlich kann die Stichtagsbeschaffung bei kleineren bis mittleren Abnahmemengen bzw. für Unternehmen mit fehlenden Personalressourcen/ Know-how und einer geringen Abhängigkeit von den Energiekosten eine Option sein. In jedem Fall empfiehlt sich ein Preisvergleich, um die Gefahr steigender Energiekosten zu minimieren.

Vorteile Festpreismodell

  • Preis-/ Budgetsicherheit (Preisbindung über mehrere Jahre)
  • kein Regelenergierisiko
  • kaum administrativer Aufwand

Nachteile Festpreismodell

  • hohes Preisrisiko, weil Preis/ Kosten oftmals von einem willkürlichen Einkaufszeitpunkt abhängig sind
  • wenig Potenzial für Einsparungen, da sich die Stichtagsangebote nur in der Höhe der Versorgeraufschläge unterscheiden
  • intransparente Kosten
  • geringe/ keine Flexibilität, da von fallenden Marktpreisen nach Vertragsschluss nicht profitiert wird
  • kein Aufbau von Know-how im eigenen Unternehmen

Strukturierte Beschaffung/ Tranchenmodell

Das Modell der strukturierten Beschaffung wird auch als Tranchenmodell bezeichnet. Denn im Gegensatz zur Stichtagsbeschaffung wird der Strombedarf eines Unternehmens nicht an einem Einkaufszeitpunkt (Stichtag) sondern zu mehreren Zeitpunkten in Teilmengen (Tranchen) beschafft. Der Gesamtpreis ergibt sich als Mittel aus den beschafften Teilmengen. Grundsätzlich besteht die Möglichkeit, die Einkaufszeitpunkte für die Tranchen selbst zu bestimmen. Dieses Vorgehen setzt jedoch eine eigene, umfassende Marktbeobachtung voraus. Eine andere Möglichkeit wäre, die richtigen Zeitpunkt für den Stromeinkauf durch den Energieversorger bzw. einen Dienstleister bestimmen zu lassen. Relevant sind neben dem Zeitpunkt auch die Anzahl der Trancheneinkäufe. Grundlegend gilt: Je höher die Zahl der Tranchen, je höher die Risikostreuung.

Hauptvorteil dieses Modells ist, dass es das Preisrisiko erheblich reduziert. So wird es zum Beispiel vermieden, die gesamte Energiemenge zu einem ungünstigen Zeitpunkt zu beschaffen. Das ist in erster Linie für energieintensive Betriebe von hoher Relevanz, da höhere Energiekosten, insbesondere im Vergleich zu Wettbewerbern, eine unmittelbare Auswirkung auf den Geschäftserfolg haben. Strukturierte Beschaffungsangebote sind im Vergleich zu Festpreisen auch transparenter, da ein getrennter Ausweis von Energiepreis und Dienstleistungsentgelt des Versorgers erfolgt.

Vorteile strukturierte Beschaffung

  • kaum administrativer/ personeller Aufwand
  • zusätzliche Ressourcen/ Kompetenzen nur bedingt nötig
  • Preisrisiko wird verringert, bspw. Vermeidung die gesamte Energiemenge an einem Tag mit hohen Preisen zu beschaffen.
  • Verlagerung von Aufgaben wie Beschaffung und Marktbeobachtung auf Energieversorger/ Dienstleister. Der Einkauf erfolgt dann von Experten.
  • Zeitersparnis beim Kunden, da regelmäßige Ausschreibungen/ Preis- und Anbietervergleiche entfallen

Nachteile strukturierte Beschaffung

  • komplexes Vertragswerk/ höhere Erklärungsbedürftigkeit
  • keine Preisbindung über mehrere Jahre

Portfoliomanagement

Das Portfoliomanagement ist die komplexeste und flexibelste Form der Strombeschaffung. Im Gegensatz zu den zuvor beschriebenen Methoden werden hier die definierten Volumina am Großhandelsmarkt preislich festgelegt. Da für den Handel Börsenzulassung und Händlerlizenz nötig sind, übernimmt ein beauftragter Energiehändler die Abwicklung. Wesentliches Merkmal des Portfoliomanagements ist die Zerlegung des (Summen-)Lastgangs eines Kunden in börsennotierte standardisierte Handelsprodukte, die einzeln gehandelt werden. Diese Beschaffungsmethode eignet sich insbesondere für energieintensive Kunden mit einer gleichmäßigen und gut vorhersagbaren Verbrauchsstruktur. Entscheidend ist die Zusammenstellung eines geeigneten Produkt-Mixes, um die Beschaffungskosten trotz Marktpreis-, Volumen und Strukturrisiko zu senken. Das Portfoliomanagement erfordert nicht nur eine klare Beschaffungsstrategie sondern auch genügend personelle Ressourcen zum Aufbau des benötigten Know-hows und zur Abwicklung der Prozesse im Unternehmen.

Vorteile Portfoliomanagement

  • transparente Kosten (Energiepreisbestandteile werden zerlegt)
  • gut planbar und flexibel (je nach Langfristigkeit der Produkte)
  • Energieeinkauf im Unternehmen wird professionalisiert

Nachteile Portfoliomanagement

  • hoher eigener Personalaufwand
  • benötigt umfassendes Know-how
  • benötigt eine veränderte Organisationsstruktur
  • Übernahme von Risiken
  • hoher Aufwand für das Preiscontrolling
  • zusätzliche Kosten/ Investitionen müssen durch Einsparungen ausgeglichen werden

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Fazit

Alle beschriebenen Beschaffungsmodelle haben Vor- und Nachteile. Eine differenzierte Betrachtung der verschiedenen Modelle hilft Einkäufern bei der Entscheidung für das Produkt, das zu ihrem Unternehmen passt. Für Kunden, die das Preisrisiko minimieren und einen günstigen Preis erzielen möchten, den Aufwand jedoch möglichst gering halten wollen, kann die strukturierte Beschaffung die passende Lösung sein. Denn sie stellt einen Mittelweg zwischen der Festpreisbeschaffung, verbunden mit einem hohen Preisrisiko, und dem Portfoliomanagement, verbunden mit einem hohen Aufwand, dar.

Energiefonds

Neben der Wahl der richtigen Beschaffungsstrategie tritt bei vielen Unternehmen außerdem noch der Wunsch nach einem nachhaltigen Stromeinkauf auf. Lesen Sie dazu mehr in dem Beitrag "Ökostrom: Wege zu einem nachhaltigen Stromeinkauf".  

Themen: Energieeinkauf

Esther Gensrich

Autor: Esther Gensrich

Esther Gensrich ist seit 2003 für die MVV Energie Gruppe tätig. Dort verantwortet sie aktuell im Business Development das strategische Marketing für Geschäftskunden. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf der Entwicklung von zukunftsorientierten und digitalen Marketingkonzepten. T +49 621 290-1625 E-Mail e.gensrich@mvv.de

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