Gaseinkauf: der Zeitpunkt entscheidet

30.05.18 08:24 von David Wagenblass

GaseinkaufEinen „guten“ Gaspreis aushandeln und das Thema dann für mindestens ein Jahr zur Seite legen? Diese naheliegende Strategie kann zu einem Wettbewerbsnachteil werden: Zum Beispiel dann, wenn Mitbewerber die Schwankungen des Gaspreises gezielt nutzen und deutlich günstiger einkaufen. Lesen Sie mehr darüber, warum der Zeitpunkt des Vertragsabschlusses so entscheidend ist – und warum sich eine strukturierte Beschaffung rechnen kann.

Gaseinkauf: Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Die Frage nach dem optimalen Kaufzeitpunkt ist beim Erdgas genauso schwierig zu beantworten wie bei anderen Rohstoffen oder bei Aktien – selbst für Spezialisten. Was gestern noch wie ein Schnäppchen aussah, kann sich morgen als teure Fehleinschätzung erweisen. Denn viele schwer berechenbare Faktoren können den Gaspreis beeinflussen. Zwei Beispiele:

  • Ist der Winter milder als erwartet? Dann sinkt die Nachfrage, und die Gaspreise können fallen.
  • Legt die Industrieproduktion einen Zahn zu? Mit der steigenden Nachfrage kann auch der Preis für Erdgas klettern.

Wer den Preis also zum falschen Zeitpunkt festmacht, zahlt unter Umständen jahrelang zu viel. Denn der fest vereinbarte Preis gilt auch, wenn der Marktpreis für Gas sinkt. Bei Betrieben mit hohem Energieverbrauch kann das ein spürbarer Nachteil im Wettbewerb sein.

Wie stark die Preise auf dem Gasmarkt schwanken, zeigt diese Grafik:

Großhandelspreise Gas

Rechenbeispiel: Weniger Abgabenbelastung, stärkerer Einspareffekt

Im Vergleich zu den Brutto-Strompreisen ist der relative Anteil der staatlichen Abgaben bei Gas um rund die Hälfte geringer. Diese unterschiedliche Abgabenbelastung kann sich in Ihrer Gasrechnung deutlich auswirken. Ein Beispiel verdeutlicht das: Angenommen, die Strom- und Gaspreise an der Leipziger Energiebörse sinken jeweils um 10 Prozent.

  • Gewerbegaskunden würden damit brutto rund 7-8 Prozent sparen, da die staatlichen Abgaben pro Kilowattstunde unverändert bleiben würden.
  • Beim Strom läge die Ersparnis dagegen nur bei rund 4 Prozent, denn der Anteil der staatlichen Abgaben ist wesentlich höher.

Der Effekt sinkender Börsenpreise ist also bei Gas fast doppelt so hoch wie bei Strom. Das zeigt: Der intelligente Gaseinkauf ist eine wichtige Stellschraube für Kostenoptimierungen – doch wie können Firmen dabei konkret vorgehen?

Strukturiert statt stichtagsbezogen: das kann sich rechnen

Grundsätzlich gibt es vier wichtige Beschaffungsmodelle für Gas, die wir in einem weiteren Blogartikel näher beleuchtet haben. Das stichtagsbezogene Modell ist im Grunde eine Wette auf den richtigen Zeitpunkt, verbunden mit entsprechenden Risiken.

Die Alternative dazu ist die strukturierte Beschaffung. Dabei wird das Gas nicht zu einem einzigen Stichtag komplett eingekauft, sondern an mehreren Zeitpunkten. Diese Aufteilung in Teilmengen bzw. Tranchen bedeutet automatisch eine Risikostreuung: Denn das Marktpreisrisiko wird aktiv gemanagt. Damit haben Sie eines der Hauptrisiken bei der Gasbeschaffung im Griff.

Hat sich Ihre bisherige Strategie ausgezahlt?

Wie gut Sie mit Ihrer bisherigen Strategie gefahren sind lässt sich rückblickend feststellen. Wenn Sie beispielsweise bislang auf eine stichtagsbezogene Beschaffung gesetzt haben, können Sie nachträglich überprüfen, ob Sie in der Vergangenheit mit einem Tranchenmodell bessere Ergebnisse erzielt hätten – und umgekehrt. Daraus lassen sich grundsätzlich Erkenntnisse gewinnen, die für die Strategieentwicklung wertvoll sind. Allerdings sollen Sie diese Ergebnisse eher als Anhaltspunkt betrachten. Denn ähnlich wie am Aktienmarkt sind die Gewinner von gestern nicht unbedingt auch die von morgen.

Konkret: Ändern sich die Umstände am Markt, kann eine früher erfolgreiche Strategie künftig zu negativen Ergebnissen führen, etwa wenn der Gaspreis unerwartet sinkt. Welch vielfältige fundamentale Preistreiber den Gaspreis beeinflussen, zeigt etwa das Webinar mit Jörg Baumhögger, der als Händler für die MVV Trading GmbH aktiv ist. In der Aufzeichnung des Webinars wird deutlich, dass eine Preisprognose stets auch ein „Blick in die Glaskugel“ ist.

Fazit: strukturierte Beschaffung reduziert Risiken

Ob bei Strom oder Erdgas: Der Beschaffungszeitpunkt spielt für eine nachhaltige Preisoptimierung eine entscheidende Rolle. Er beeinflusst die Gesamtkosten in aller Regel viel mehr als etwa Preisverhandlungen oder die Lieferantenauswahl. Ein aktives Management des Marktpreisrisikos – etwa durch ein Tranchenmodell oder ein Portfoliomanagement – ist ein wesentlicher Baustein einer wirksamen Gesamtstrategie. Angesichts der schwankenden Marktpreise kann das unter dem Strich spürbar zur Kostensenkung beitragen. Bei der Entscheidung über die konkrete Ausgestaltung kann es sich lohnen, einen auf den Gasmarkt spezialisierten Experten hinzuzuziehen.

 

Themen: Energieeinkauf

David Wagenblass

Autor: David Wagenblass

David Wagenblass ist seit vielen Jahren in der Energiewirtschaft tätig. Der Energieexperte berät u.a. Verbände in Energiefragen und hält regelmäßig Vorträge zur Kostenreduzierung im Energieeinkauf sowie durch Energieeffizienzlösungen. Darüber hinaus ist er der erste Ansprechpartner in Energiefragen für rund 10.000 Verbandsmitglieder in Deutschland. T +49 621 290-1695 E-Mail david.wagenblass@mvv.de

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